Marica Bodrozic: Das Gedächtnis der Libellen, Fester Einband
Das Gedächtnis der Libellen
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- Verlag:
- Luchterhand Literaturverlag, 08/2010
- Einband:
- Fester Einband
- ISBN-13:
- 9783630873343
- Copyright-Jahr:
- 2010
- Gewicht:
- 455 g
- Maße:
- 215 x 135 mm
- Stärke:
- 29 mm
- Erscheinungstermin:
- 15.8.2010
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Preis |
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Kurzbeschreibung
Mit bewundernswerter Konsequenz erzählt Marica Bodrozic von einer ebenso unbedingten wie widersprüchlichen Liebe. Und von einer Frau, die Abschied nehmen muss von ihren Illusionen über ihre Beziehung zu einem verheirateten Mann. Und die sich fragen muss, wer sie am Ende ohne ihre Liebe ist.
Beschreibung
Noch sind die Tage ungetrübt. Die junge Nadeshda fährt nach Amsterdam, um dort ihren Geliebten Ilja zu treffen. Sie hat Schuhe mit den höchsten Absätzen an und phantasiert sich Iljas Küssen entgegen. Doch was als lustvolle Reise beginnt, wirft Nadeshda völlig aus dem Gleichgewicht, bringt sie an ihre Grenzen und verändert ihre ganze Wahrnehmung von ihrer Liebe und sich selbst. Denn Nadeshda muss erkennen, dass sie in ihre Träume, Sehnsüchte und merkwürdig robusten Hoffnungen verstrickt ist, obwohl sie es besser hätte wissen können. Obwohl sie hätte sehen müssen, dass ihr Wunsch, den verheirateten Ilja ganz für sich zu gewinnen, nie in Erfüllung gehen wird. Denn Ilja hat sie nie hinters Licht geführt: Von der ersten Begegnung an sprach er davon, dass ihre Liebe keine Zukunft haben könne. Das hindert ihn aber keineswegs daran, Nadeshda dennoch weiterhin seine Liebe zu erklären.
Marica Bodrozic hat den Roman einer ebenso unbedingten wie ausweglosen Liebe geschrieben. Einen Roman, der zugleich die Geschichte eines beispiellosen Verlusts erzählt. Denn Nadeshda muss am Ende nicht nur Abschied nehmen von dem Mann, den sie, das hatte sie sich geschworen, nie aufgeben würde. Sie muss vor allen Dingen auch Abschied nehmen von sich als der Liebenden dieses Mannes. Es ist ein Abschied, der sie zurückführt auf sich selbst, auf ihre Vergangenheit und den Libellen sammelnden Vater. Und all diese Abschiede wiegen deshalb so schwer, weil Nadeshda nicht absehen kann, wer sie ohne ihre Liebe ist.
Auszüge aus dem Buch
Der Zug f t langsam. Ich sitze im Gro aumwagen. Mein Herz rast wie das Herz eines gejagten Tieres. Im Doppelschritt rast es, schon seit Stunden rast es. Ohne mich um Erlaubnis zu fragen, macht es eine Herzgejagte aus mir. Der Zug h an der deutsch-holl ischen Grenze. Offenbar h er schon eine ganze Weile, ohne dass es mir auff t. Meine Stiefel haben die h chsten Abs e, die ich auftreiben konnte. Ich habe mir die Stiefel f r diese Reise gekauft. Ilja will mich vom Bahnhof abholen, Ilja, der beim Reden immer mit den Propheten in Konkurrenz tritt, er will mir alles ber meine Zukunft sagen, ohne dass ich ihn darum gebeten habe.
Ich habe einen Direktzug von Berlin nach Amsterdam gebucht. Nie zuvor habe ich mir berhaupt nur vorstellen k nnen, mit dieser Art Absatz zu laufen, schon gar nicht auf eine Auslandsreise zu gehen. Seitdem ich Ilja kenne, bin ich in allem von meiner alten Perspektive abger ckt. Wenn er bei mir ist, kommt mir alles Verr ckte normal und alles Normale verr ckt vor. Ich rufe mir Iljas Blick in Erinnerung, male mir aus, wie es sein wird, ihn dort in Amsterdam zu sehen, seine Augen zu sehen, in einem fremden Land, unter fremden Menschen, und es kommt mir so hoffnungslos selbstverst lich vor, dass ich diese Abs e trage, dass ich mir diese Schuhe f r diese Reise gekauft habe, von der ich nicht wei wie sie ausgehen wird und ob wir gl cklich sein werden oder nicht.
Im Zug ist es warm. Ich versuche zu lesen. Meine Gedanken sind kleine Insekten. Sie huschen von Gesicht zu Gesicht, von Fenster zu Fenster, von Koffer zu Koffer. Dann stehe ich auf und gehe von Abteil zu Abteil. Das Buch ist zum ersten Mal kein Freund, es ffnet mich nicht. Ich ziehe meinen Lippenstift nach, immer wieder, als k nnte ich auf diese Weise meinen Mund im Hinblick auf die Unendlichkeit versch nern. Das Einzige was ich erreiche, ist aber nur ein klebriges Gef hl beim Schlie n der Lippen. Es ist wie damals, in der Kindheit, als Preiselbeeren, Maulbeeren, Johannisbeeren und Himbeeren meine Ersatzschminke und K sse nur Phantasiegebilde waren.
Ilja liebt meinen Mund. Er sagt es mir nie laut, nicht mit Worten, nur wenn wir uns k ssen, spricht er dann so mit mir. Er bei zuerst in den einen Mundwinkel, dann in den anderen. Danach arbeitet er sich gleich mit seiner Zunge zu meiner Mitte vor, zum Offenen, wo ich mit meiner Zunge schon ungeduldig auf ihn warte. Ich rolle meine Zunge zusammen, lege sie wie eine spitze kleine Waffe nach vorne, ganz weit nach vorne, und wenn er mit seinen Lippen zu meiner Mitte kommt, ziehe ich meine Waffenzunge zur ck, ich locke ihn herein, ich will Ilja ganz haben. Ilja kommt, er kommt immer, so, dass ich ihn noch tiefer in meinen Mund hereinlasse, weil auch er mich jetzt in sich hineinzieht. Ich schwitze, am Hals, hinter den Ohren, unter den Achseln, ich stelle es mir schon im Zug vor, wie ich schwitze und nichts mehr au r Iljas Atem h ren kann, wenn er bei mir ist, in einem noch nie zuvor gesehenen Zimmer, wenn sein Atem meine Ohren ausf llen wird und wir endlich dieses unbekannte Zimmer f r uns allein haben werden. Hautnachbarschaft. Mundnachbarschaft. Ilja, Tag und Nacht.
Ich sitze im Zug und warte auf seine S e, auf sein Gesicht, auf seine H e, die warmen wei leuchtenden Fingerkuppen, auf seinen Singsangwitz, der die ganze Spannung in unserem lauten Lachen aufl st. Ich tr e seit Monaten von Iljas H en. Warum ich seine H e im Traum immer wieder genau vor mir sehe, das wei ich nicht, aber seine H e sind immer bei mir. Vielleicht tr e ich von Beginn an von seinen H en, weil ich wei dass sie nie f r l er, schon gar nicht f r immer bei mir bleiben werden. Traumh e bleiben nicht. Aber auch die echten H e sind nicht bei mir geblieben.
Ilja hat zarte H e, weiche H e, viel zu zart und viel zu weich f r einen Mann, der einen Krieg berlebt hat, noch ein Junge war, damals, als pl tzlich das Schwimmen im Fluss und das Spielen auf der Stra lebensgef liche Dinge wurden. Seine Zeigefinger sind etwas
Biografie
Marica Bodrozic, geboren 1973 in Dalmatien (heutiges Kroatien), studierte Kulturanthropologie, Psychoanalyse und Slawistik in Frankfurt am Main. Sie schreibt Gedichte, Romane, Erzählungen und Essays. Für ihre Bücher erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, darunter den Förderpreis für Literatur der Akademie der Künste in Berlin und den Kulturpreis Deutsche Sprache. Marica Bodroi lebt als freie Schriftstellerin und Übersetzerin in Berlin und zählt zu den wichtigsten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur. 2011 wurde ihr der Liechtenstein-Preis verliehen.Anmerkungen:
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